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Wissenschaftliche Basis für lebensnahe Angebote im Quartier

Projekt ermittelt Grundlage in den Bereichen Wohnen und Arbeiten

Karten mit Piktogrammen in Holzhaltern, angeordnet auf einer weißen Fläche. Symbole zeigen Bus, Fußgänger, Handschlag, Fahrrad, Einkaufswagen, Menschen, Haus, Busstation, Spielplatz, Kaffeetasse und ein Buch. Verbunden durch bunte Fäden; rechts liegen bunte Stifte und eine Karte.

„Wir glauben, dass die bestehenden ‚Leistungstypen‘ wie Werkstatt oder besondere Wohnform, den vielfältigen Bedürfnissen und Wünschen von Beschäftigten und Bewohnerinnen und Bewohnern nicht gerecht werden“, so die Erfahrung von Hendrik de Jong und Markus Weckermann. Das liege unter anderem daran, dass die Angebote sich nicht an den Sozialräumen der Menschen orientieren. 

Die beiden HHO-Mitarbeiter leiten ein Projekt, das wichtige Daten, Fakten und Impulse für die Entwicklung von „HHO im Quartier“ liefert. Das Projekt wird vom Diakonischen Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V. (DWiN) aus Mitteln nach Niedersächsischem Gesetz zur Förderung der Freien Wohlfahrtspflege (NWohlfFöG) gefördert. Die HHO, die Mitglied im DWiN ist, kann so zwei halbe Personalstellen in der ersten Projektphase zu 78 % finanzieren. Im Fokus stehen die teilstationären und stationären Angebote in den Bereichen Arbeiten und Wohnen, also die Werkstätten und die besonderen Wohnformen. Derzeit setzen Hendrik de Jong und Markus Weckermann den ersten von drei geplanten Projektabschnitten um: „Es gibt bislang keine belastbare Datengrundlage zu den Wünschen und Vorstellungen der Beschäftigen und der Bewohnerinnen und Bewohner. Ohne Datenanalyse besteht aber das Risiko, dass die strategischen Entscheidungen zur Weiterentwicklung unserer Angebote nur auf Annahmen beruhen. Damit blieben Chancen für mehr Selbstbestimmung und Teilhabe eventuell ungenutzt“, so die Projektleiter. Die beiden bringen neben ihren Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen der HHO auch die methodischen Kompetenzen aus dem Studium in das Projekt ein. So beschäftigt sich Hendrik de Jong beschäftigt seit seiner Masterarbeit mit dem Thema ‚Lokale Gestaltung sozialer Teilhabe‘.

Wie es ist …

„Viele bestehende Angebote haben sich über Jahre hinweg im Spannungsfeld zwischen einem inzwischen veralteten ‚Fürsorgebegriff‘ und den wirtschaftlichen Überlegungen der Leistungsträger entwickelt. Das Lebensumfeld der Menschen spielte dabei bisher eine untergeordnete Rolle“, so die Einschätzung der Projektleiter. Das Ergebnis dieser Entwicklung verhindert vielfach Teilhabe und Selbständigkeit: Viele Bewohnerinnen und Bewohner verbringen einen großen Teil des Tages innerhalb der besonderen Wohnformen oder nutzen Angebote, die eng damit verzahnt sind. Sie gestalten weder ihre Alltagswege noch Kontakte im Quartier eigenständig. Auch an Freizeit-, Kultur-, und Bildungsangeboten in ihrem Umfeld nehmen sie selten teil. Die Mitarbeitenden der stationären Wohnangebote sind zentrale Bezugspersonen für viele Bewohnerinnen und Bewohner. „Aus Angst vor dem Verlust lehnen sie häufig den möglichen Wechsel in selbständigere Wohnangebote ab. Und dass, obwohl sie sich zugleich mehr Selbstbestimmung und soziale Teilhabe in ihrem Umfeld wünschen“, weiß Hendrik de Jong, der sich im Rahmen des Projektes vor allem mit den besonderen Wohnformen beschäftigt. Bezüglich der Angebote der Osnabrücker Werkstätten, die Markus Weckermann analysiert, gilt Ähnliches: Die Beschäftigten und ihre Angehörigen wünschen sich wohnortnahe Arbeitsmöglichkeiten. Sie möchten unabhängig von Fahrdiensten sein und am Arbeitsleben vor Ort teilhaben.

…wie es werden könnte

Markus Weckermann bringt die Konsequenzen auf den Punkt: „Wir brauchen individuellere Angebote für Wohnen und Arbeiten. Mit durchlässigen Strukturen, die schnelle und einfache Übergänge ermöglichen.“ Eine gezielte Quartiersentwicklung bietet dazu Lösungen. Diese sollen in weiteren Projektabschnitten entwickelt werden. Denn ein gutes Zusammenleben im Quartier kann die Voraussetzungen für mehr Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und Teilhabe fördern. Strukturen, deren Refinanzierung immer schwieriger wird, könnten zugunsten von gut vernetzten Angeboten in einem nachbarschaftlich organisierten Quartier abgelöst werden. Davon würden alle Menschen im Quartier profitieren.

Ein Quartier, viele Vorstellungen

Mehrere Personen an einem bunten Informationsstand auf einer Veranstaltung. Links ein Holztisch mit Broschüren, Tüten und Spielzeugenten auf einem grünen Tuch. Ein Mann kniet und ordnet Enten, während Kinder zuschauen. Im Hintergrund Pinnwände mit Notizen und zwei Personen in gelben Shirts, rechts eine Frau in Interaktion mit Besuchern. Ballons mit Aufschriften („Bin hoch“) hängen an der Standecke, Beschriftung „18“ sichtbar. Stadtumgebung im Hintergrund.
Ein lebendiges Quartier soll entstehen - mitten in Melle.

Damit das gelingt, wollen Markus Weckermann und Hendrik de Jong einen tiefen Einblick in die Situation bekommen. Sie möchten dabei auch die unterschiedlichen Bedingungen im ländlichen Raum und in einem städtischen Umfeld berücksichtigen. Deshalb haben sie für ihre Analyse bespielhaft ein Quartier in Melle und eines an der Knollstraße ausgewählt.

Um ein möglichst breites Bild davon zu bekommen, was sich die Menschen in den Quartieren wünschen, finden unterschiedliche Formen der Befragung statt. Im Zentrum der Analyse stehen die Befragungen von Menschen mit Beeinträchtigung „Unsere Kunden überraschen mich dabei immer wieder mit ihren vielfältigen Ideen“, sagt Markus Weckermann. Die Projektleiter erproben für möglichst viele Teilnehmenden Möglichkeiten, ihre Vorstellungen vom Zusammenleben und -Arbeiten im Quartier zu äußern. Dabei greifen sie unter anderem auf die Methoden, Materialien und Erfahrungen aus dem Projekt INTAKT zurück. „Mit der Broschüre können sich unsere Kunden vorab mit dem Thema ‚Quartier‘ beschäftigen. Viele von ihnen sind dann in der Lage unsere Fragebögen gemeinsam mit einer Assistenz auszufüllen. Andere äußern sich mithilfe von Piktogrammen oder eigenen Bildern“, beschreibt Markus Weckermann das Vorgehen. Auch einige Mitarbeitenden der HHO werden exemplarisch in beiden Quartieren befragt. Wenn ein Quartier sich gut entwickeln soll, müssen zudem weitere Personen und Gruppen berücksichtigt werden: Politische und gesellschaftliche Akteure wie Parteien, Kirchen und Vereine sowie alle anderen Menschen im Quartier sollen ebenfalls ihre Vorstellungen vom Zusammenleben und -Arbeiten äußern. Sie alle gestalten die Quartierentwicklung mit. „In Melle haben wir die Besucher des Geranienmarkts mithilfe eines Stadtplans befragt, was sie an welchem Ort tun und was ihren noch fehlt“, nennt Hendrik de Jong ein Beispiel Diese „aktivierende Befragung des Sozialraums“ hat wichtige Erkenntnisse dazu geliefert, wie das Quartier in Melle funktioniert.

So geht es weiter

Noch bis Ende 2026 setzen Markus Weckermann und Hendrik de Jong ihre Analyse fort. Dieser erste Schritt bildet die wissenschaftlich fundierte Basis für die Entwicklung von Angeboten für Menschen mit Einschränkungen, an den Orten, wo diese sie nutzen möchten und können. „Unsere Arbeit legt auch die Grundlage für die Entwicklung von ‚HHO im Quartier‘“, erklärt Hendrik de Jong. Alle Ergebnisse werden dokumentiert und vor Ort mit den Befragten erläutert. Und obwohl das eigentlich nicht Teil der Analysephase ist, kommt schon jetzt etwas in Bewegung: „In Melle entwickeln die Mitarbeitenden in einer Arbeitsgruppe weitere Ideen“, berichtet Hendrik de Jong. In einer zweiten Projektphase sollen mögliche Angebote und Teilhabemöglichkeiten im Quartier identifiziert und auf den Weg gebracht werden. „Für Ansätze, die gut funktionieren, schaffen wir in der dritten Phase verlässliche Rahmenbedingungen, damit sie einen festen Platz im Quartiersleben haben.“ Die Ergebnisse des Projektes können auch auf weitere Bereiche und Quartiere der HHO übertragen werden. Andere Institutionen der Behindertenhilfe könnten einige Erkenntnisse ebenfalls nutzen.