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Joachim Böhmer und Jürgen Schaffhäuser: „Die HHO hat den Wandel mitgestaltet.“

18.09.2025

Die HHO ist seit 65 Jahren geprägt von den unterschiedlichsten Menschen. Wir haben einige von Ihnen nach ihren ganz persönlichen Erfahrungen und Geschichten in der HHO gefragt.

Zwei ältere Personen mit grauen Haaren, eine trägt ein graues Langarmshirt, die andere ein weißes Hemd. Sie sitzen nebeneinander vor einer dichten grünen Heckenpflanze.

Die Anfänge

Zwei ältere Personen mit grauen Haaren, eine trägt ein graues Langarmshirt, die andere ein weißes Hemd. Sie sitzen nebeneinander vor einer dichten grünen Heckenpflanze.
Joachim und Jürgen erinnern sich gemeinsam an ihre HHO-Anfangszeiten

Wenn Joachim Böhmer und Jürgen Schaffhäuser sich über die Geschichte der HHO unterhalten, bekommt man einen Einblick in zwei interessante Berufsbiografien und in die Geschichte der Behindertenhilfe.

Jürgen Schaffhäuser begann 1981 im Anerkennungsjahr als Sozialarbeiter in der Werkstatt Sutthausen sein Berufsleben – und blieb bis zu seinem Ruhestand Ende 2018 dort im Sozialdienst beschäftigt. „Einer meiner vielen Schwerpunkt war die Begleitung, Qualifizierung und Zusammenarbeit mit dem Werkstattrat, die Interessenvertretung – ähnlich einem Betriebsrat – der Werkstattbeschäftigten“, erinnert sich der 71-Jährige.  

Joachim Böhmer hatte bereits als Zivildienstleistender 1978/79 erste Kontakte zur HHO: „Damals waren einige Wohnheime – heute würde man sagen die besonderen Wohnformen – noch nach Geschlechtern getrennt. Ich habe in einem Wohnheim für Frauen an der Moltkestraße gearbeitet. Im nahegelegenen Wohnheim Weißenburgstraße wohnten nur Männer.“ Nach seinem Studium der Erziehungswissenschaften kehrte der frischgebackene Diplompädagoge zurück zur HHO. „Gemeinsam mit meiner Kollegin habe ich das Angebot des damaligen Freizeitwerks um den Bildungsbereich zum BuFO, also Bildungs- und Freizeitwerk Osnabrück, erweitert“, erinnert er sich. Das BuFO verantwortete Joachim Böhmer bis zu seinem Wechsel in die Altersteilzeit im Jahr 2023 als Teil seiner vielfältigen Aufgaben.

Schon in der Zeit von Geschäftsführer Wilfried Windmöller organisierte Joachim Böhmer zudem vielfältige Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote für die Mitarbeitenden. Später wurde diese Aufgabe zum Fachbereich Personalentwicklung, als Stabsstelle zur Geschäftsführung, ausgebaut.

„Solche Weiterbildungen waren ja auch dringend nötig, weil sich in den 80er und 90er Jahren viel in der Gesellschafts- und Sozialpolitik für beeinträchtigte Menschen veränderte. Zum Beispiel begleiteten wir seit Gründung der OSNA-Technik 1991 vermehrt auch Menschen mit psychischen Erkrankungen“, wirft Jürgen Schaffhäuser ein. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen veränderten sich ständig (im Grunde durchgehend bis heute) und stellten Herausforderungen für Mitarbeitende mit und ohne Beeinträchtigungen dar, erklärt Jürgen Schaffhäuser.

„Wir erlebten den Weg von der Verwahrung/Betreuung/Bevormundung über die Integration und Selbstbestimmung hin zur Inklusionsdebatte“, sagt Joachim Böhmer.

Vom „Splitterkeller“ in den „Hyde Park“

Aber auch schon in den 70er und 80er Jahren habe sich die Behindertenhilfe verändert, erinnern sich die beiden. „Wilfried Windmöller hat uns mit seinen sozialpolitischen Vorstellungen und seiner menschenfreundlichen Haltung gegenüber beeinträchtigten Menschen stark geprägt“, ist Joachim Böhmer überzeugt. Eine Devise von Wilfried Windmöller lautete: ‚wenn heute bei uns ein Mensch nach einer Leistung (Arbeit oder Wohnen) anfragt, dann werden wir diese ihm morgen gewähren!‘

„Das war schon herausfordernd und vieles war für die Zeit innovativ. Man muss ja auch bedenken, wie die Angebote für Menschen mit Einschränkungen in den 60ern vor Ort entstanden sind. Das ist historisch gewachsen und erkämpft. Später hat Wilfried Windmöller aber auch eingeräumt, dass wir uns anfangs‚ zu wenig um die Inklusion gekümmert‘ haben. Diesen Weg hat die HHO aber später konsequent beschritten“, sagt Jürgen Schaffhäuser und Joachim Böhmer bestätigt: „Die HHO ist mit den Jahren viel mehr nach draußen gegangen. In meinen ersten Arbeitsjahren habe ich noch die Disko „Splitterkeller“ im Wohnheim an der Aschendorfer Straße organisiert – exklusiv für Beschäftigte und Bewohner/innen. Später sind wir dann mit der „Hottendeele“ in die Clubs der Stadt umgezogen. Der Hyde Park war zum Beispiel von Anfang an sehr offen für inklusive Ideen. Bei diesen Angeboten für Menschen mit und ohne Behinderung findet Begegnung statt, die Grundvoraussetzung für Inklusion. Das gilt auch für viele Bildungsangebote in der VHS, im Haus Ohrbeck oder in der Musik- und Kunstschule.“

Joachim Böhmer
Joachim Böhmer

Freiräume und Einschränkungen

Solche Entwicklungen seien auch umsetzbar gewesen, weil die HHO den Mitarbeitenden immer Freiräume für eigene Ideen geboten habe. „Man konnte und kann (auch heute) in der HHO wirklich etwas bewirken. Und ich wünsche der HHO, dass sie auch in Zukunft immer gute und motivierte Mitarbeitende hat, die etwas bewegen möchten“, so Jürgen Schaffhäuser. „In der HHO konnte ich mein Menschenbild – das sicher christlich geprägt ist – immer leben und umsetzen“, fasst Joachim Böhmer die eigenen Erfahrungen zusammen.

Mit Heiner Böckmann kam 2003 der zweite langjährige Geschäftsführer der HHO. „Sicherlich ein Glücksfall für die HHO – so langjährig personelle Kontinuität in der Geschäftsführung zu besitzen. Während Wilfried Windmöller vieles einfach gemacht hat (Unternehmergeist im Aufbau einer Organisation) – auch weil es weniger Vorgaben gab – hat Heiner Böckmann nach neuen Management-Methoden gearbeitet. Er konnte kooperativ ein neues Leitbild entwickeln und Leitlinien für die Zusammenarbeit und die Führung innerhalb der HHO formulieren. In dieser Zeit haben wir unsere Grundhaltungen in der HHO festgeschrieben, die bis heute gelten“, erklärt Joachim Böhmer. Das sei auch notwendig, betont Jürgen Schaffhäuser: „Denn je größer ein Unternehmen ist – und die HHO ist ja kontinuierlich gewachsen – umso wichtiger ist es, dass man diese Haltung überall im Unternehmen umsetzt und sie vorlebt.“

Lernen aus der Vergangenheit

viele Menschen mit und ohne Behinderung feiern gemeinsam in einer Kirche Gottesdienst
Gottesdienst zum Gedenken an die Euthanasieopfer

Gab es denn auch Ereignisse während ihrer Zeit bei der HHO, die einen besonderen Eindruck hinterlassen haben? „Das möchte ich allgemein formulieren. Für mich waren die Beziehungen zu den Menschen das Wichtigste. Die Arbeit in einem Team, in dem man sich immer aufeinander verlassen konnte und füreinander da war, hat Freude gemacht. Und es war toll, wenn man ein gutes Feedback bekam. Oder wenn man die Lebenssituation von jemandem verbessern oder ihn gut begleiten konnte, beispielsweise beim Loslösen vom Elternhaus“, sagt Jürgen Schaffhäuser. Bei seiner Arbeit mit dem Werkstattrat hatte er allerdings einige besondere Erlebnisse: 1991 organisierten sie gemeinsam das erste Bundestreffen, 1996 richtete die HHO auch das Treffen der niedersächsischen Werkstatträte aus. „Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Werkstatträte sich vernetzen, besser wahrgenommen werden und an Bedeutung gewinnen“, so das Fazit von Jürgen Schaffhäuser.

Joachim Böhmer erinnert sich besonders an die zentrale Gedenkfeier in Osnabrück zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995. „Damals wurde vieler Opfergruppen gedacht, nicht aber der Krankenmorde und Euthanasieopfer. Das wollten wir unbedingt ändern. Schon im Jahr darauf gab es am 27. Januar die erste Gedenkfeier für Euthanasieopfer.“ Was im kleinen Kreis begann, hat sich inzwischen zum gut besuchten alljährlichen Gedenkgottesdienst in der Marienkirche entwickelt. Diese Veranstaltung sei in der aktuellen Zeit besonders wichtig, so Joachim Böhmer. „Deshalb wünsche ich der HHO zum Geburtstag nicht nur weitere 65 Jahre, sondern auch, dass sie aus der Vergangenheit die richtigen Lehren für die Zukunft zieht. Das heißt auch, sich konsequent politisch zu artikulieren und Stellung für die uneingeschränkte Menschenwürde zu beziehen.“